| Einsatzzeit: | 19. Juli - 09. August 2008 |
| Einsatzort : | Flüchtlingslager Cardac und Kalenic |
| Vorbereitungswoche: | 30. April - 04. Mai 2008 |
| Vorbereitungsort : | Bannmühle, Odernheim am Glan |
| Infotag: | 04. April 2008, Mainz |
| AG - Treffen: | 07.06., 28.06. jeweils 10-16Uhr |
| Treffpunkt: | Jugendhaus Don Bosco, Mainz |
| Teilnehmer 2008 |
„...Manche sagen sich, sie müssten einfach losfahren und vor Ort selbst tun, was getan werden kann...“
Dieser Satz begegnete mir Anfang des Jahres, als ich in der Infobroschüre des Projekts „Gehversuche – Friedensschritte – Zivis
für Kinder in Serbien 2008“ blätterte. Das bekannte heimische Umfeld verlassen und sich für eine gute Sache einsetzen – das
hörte sich sehr reizvoll an und so beschloss ich meine Teilnahme.
Anfang Mai begann dann für uns neun Teilnehmer aus ganz Deutschland dieses Projekt. Auf einer Werkwoche lernten wir uns
gegenseitig besser kennen, erfuhren von unseren vier Teamern, allesamt auch ehemalige Teilnehmer, viel über die Situation
auf dem Balkan und in den Flüchtlingslagern, lernten Grundlagen der serbischen Sprache und begannen mit der Organisation
unseres Programms.
Je weiter die Zeit voranschritt, desto mehr stieg auch die Vorfreude und die Spannung. Am 20.07. war es dann soweit, wir
konnten „einfach losfahren“, nachdem wir tags zuvor unsere beiden Kleinbusse beladen hatten und einen Reisesegen vom
Generalvikar Dietmar Giebelmann gespendet sowie die Grüße von Kardinal Lehmann für unseren Einsatz übermittelt bekommen hatten.
Die gut 1500 km lange Fahrt nach Serbien unterteilten wir in zwei Etappen. So machten wir am ersten Abend Station in Graz,
wo wir in der Salvatorpfarre sehr herzlich aufgenommen wurden. Auch das hervorragende steirische Abendessen wird uns allen
in Erinnerung bleiben.
Weiter ging es am nächsten Tag über Slowenien und Kroatien in die serbische Hauptstadt Belgrad. Von der Autobahn aus sahen
wir dort zum Teil schon Spuren hoffentlich vergangener Zeiten: unfertige Häuser und Rohbauten, die vermutlich während des
Krieges fluchtartig verlassen wurden. Auch in Belgrad sind bis heute noch einige zerbombte Gebäude zu sehen, die seit den
Nato-Schlägen 1999 quasi als Mahnmal ihrem zerstörten Zustand überlassen worden sind.
Abends trafen wir uns dann noch mit den Mitarbeitern der mitorganisierenden serbischen Partnerorganisation „Zdravo da Ste“
(„Dass es dir gut gehe“), die uns über wichtige Neuigkeiten aus den Lagern informierten.
Am nächsten Morgen musste sich unsere Gruppe nun trennen, sieben von uns fuhren in das Lager Kalenic, 50 km südlich von
Belgrad, sechs (darunter auch ich) nach Cardak, 100 km östlich von Belgrad.
Auch die Fahrt nach Cardak war interessant. Der Lebensstandard in Serbien gehört zu den niedrigsten in Europa, von der
Straße aus sieht man marode Häuser, auch Pferdegespanne sind noch keine Seltenheit.
Das Lager Cardak selber liegt in Mitten eines großen Waldgebiets, 7 km von der nächsten kleinen Ortschaft entfernt. Mit der
Ankunft der ersten Flüchtlinge 1991 wurde es zum ersten Flüchtlingslager Serbiens. Mittlerweile wird es aber immer mehr
seinem ursprünglichen Nutzen entsprechend genutzt und ausgebaut, als Ferienlager und Trainingsstätte für Vereine,
Schulen etc.
Die Lage des Lagers erscheint zunächst sehr schön und idyllisch. Bedenkt man aber, dass manche Bewohner dort schon seit
fast 15 Jahren leben müssen, lässt es die im Lager spürbare Isolation und Abgeschiedenheit begreifen.
Es ist daher nicht verwunderlich, mit welcher Freude und Erwartung wir insbesondere von den Kindern begrüßt wurden, die es
nicht erwarten konnten, bis wir endlich unser Programm starteten.
Auch die Wohnsituation im Lager gestaltet sich sehr problematisch. Familien leben in baufälligen Holzbaracken, sie haben von
der Größe her nicht mehr Wohnraum als ein deutsches Wohnzimmer. In den drei Wochen haben auch wir uns zu sechst eine solche
Baracke geteilt. Es brauchte einige Tage, bis wir uns an die Enge und den maroden Zustand unserer Wohnung gewohnt hatten, die
Wände im Bad waren verschimmelt, das Waschbecken defekt, der Boden verschmutzt.
Nun aber zum Hauptzweck unseres Einsatzes, dem Kinderprogramm. Jeden Tag haben wir für sie morgens, mittags und abends
jeweils eine Einheit vorbereitet. Am Programm selber nahmen immer ungefähr zwischen zehn und zwanzig Kinder und Jugendliche
im Alter von 3 – 17 Jahren teil.
Zunächst gestalteten wir gemeinsam ein mit all unseren Namen und Handabdrücken versehenes Leintuch, um die Kinder kennen zu
lernen. In einem ersten gemeinsamen Fußballspiel versuchten wir gleich, die neu gelernten Namen korrekt auszusprechen und
zuzuordnen, aber es sollte noch einige Tage dauern bis wir dies beherrschten.
Sport und Spiele im Allgemeinen waren immer beliebt, als Renner entpuppte sich „Schwarzer Mann“ („Crni Muz“), Fußball – EM,
eine Olympiade samt Preisverleihung, Tauziehen etc. Weitere Highlights waren auch unsere Riesen-Wasserrutsche, die Slagline -
ein zwischen zwei Bäume gespanntes Seil zum Balancieren, eine Schatzsuche und eine Nachtwanderung. Regelmäßig hielten wir
Deutschunterricht ab. Eine schöne Abwechslung für die Kinder boten auch unsere Brettspiel- und Puzzleeinheiten.
Von höchster Beliebtheit waren auch unsere wöchentlich stattfindenden Bingoabende. Nicht nur die Kinder freuten sich schon
Tage zuvor auf dieses Ereignis, auch viele Eltern und Erwachsenen fieberten ihm gleichermaßen entgegen. Ein Mann zum Beispiel
wollte am Ende eines jeden Bingoabends immer schon wissen, wann dieser denn in der folgenden Woche stattfinde. Eine
besondere Überraschung erlebten alle, als eine Bingorunde nicht wie sonst von den aufmerksameren und schnelleren Kindern
gewonnen wurde, sondern von einer rüstigen 80-jährigen Dame, die in ihrer Freude den Kindern aber in nichts nachstand.
Ebenfalls begeistert angenommen wurden unsere Bastel- und Kreativangebote. Jeder durfte ein T-Shirt batiken, wir bastelten
lustige Tiermobiles und schöne Memoryspiele, Jonglier- und Bocciabälle aus Sand und Luftballons, aus selbst gesammelten
Naturmaterialien ließen wir fantastische Waldwesen entstehen. Abends musizierten wir gelegentlich zusammen, jeder schnappte
sich ein Instrument und durfte sich damit nach Herzenslust austoben.
Auch beim Bemalen der Gipsmasken und bei der Schmuckanfertigung waren wir vom Eifer und der Kreativität der Kinder
regelrecht angetan.
Fast täglich kam es vor, dass sich Kinder in einer bestimmten Einheit hervortun konnten und so fast jeder einmal die
Beachtung der anderen finden durfte.
So entpuppte sich etwa der 12-jährige Oliver beim Gipsmasken bemalen als ein wahrer Künstler, die extrem schüchterne kleine
Angela als Könnerin in der Teller-Jonglage, der aufgeweckte Deki als souveräner Schachspieler, die gewitzte Brankica als
Naturtalent im Flöten, der freche Nicolai als ein Glückskind beim Bingo...
Zwischen den drei täglichen Einheiten erledigten wir unseren „Haushalt“ – kochen, einkaufen usw. Mindestens einer musste
sich außerdem um die Vorbereitung der nächsten Einheit kümmern, was bedeutete, die dafür benötigten Materialien herzurichten
und die zur Erklärung der Einheit nötigen Wörter nachzuschlagen. Oft spielten wir auch zwischen und über den Einheiten hinaus
mit den Kindern. Mit den Jugendlichen spielten wir abends fast jeden Tag noch Fußball oder wir trafen uns zum Musik hören
und Plaudern. Dies war eine schöne Möglichkeit, sich auch mit den älteren auseinanderzusetzen und für sie da zu sein.
Eine Besonderheit konnten wir den Kindern zusätzlich an den Wochenenden bieten.
Am ersten Samstag ermöglichten wir zusammen mit unserer Partnerorganisation Zdravo da Ste einen Ausflug für alle Kinder
des Lagers nach Belgrad in eine Ausstellung über die Erfindungen Leonardo Da Vincis. Es tat den Kindern sichtlich wohl,
aus dem Lager herauszukommen, wenngleich auch manche Kinder von den vielen ungewohnten und neuen Eindrücken ganz
erschlagen zu sein schienen. Der zweite Ausflug führte uns in den Badeort Bela Crkva, nahe der rumänischen Grenze.
Dies war ein Großereignis für die meisten Flüchtlingskinder, denn die Gelegenheit zum Baden ist für sie einmalig. Schon
Tage zuvor freuten sie sich riesig, „Nedelja idemo Bela Crkva!“ (Am Sonntag gehen wir nach Bela Crkva!) wurde zum überall
hörbaren Satz. Durch die Abgeschiedenheit des Lagers ist es ja kaum möglich, zum Schwimmen zu gehen. Daher sind die
Kinder keine Wasserraten wie es bei den Kindern bei uns der Fall ist, können kaum schwimmen, wollen nicht ins Wasser
geworfen werden.
Aber gerade deshalb waren sie umso glücklicher und dankbarer für dieses für sie einmalige Erlebnis. Selbst wenn sich ein
Junge freudenstrahlend nie weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser traute, wollte er mit dem Planschen gar
nicht mehr aufhören.
Unsere letzte große gemeinsame Aktion mit den Kindern und Lagerbewohnern war der Abschlussabend. Dieser sollte nicht nur
eine Möglichkeit für die Kinder darstellen, vor ihren Eltern und anderen Lagerbewohnern aufzutreten und somit zur Freude
und Unterhaltung beizutragen, sondern diente auch der Verabschiedung. Dafür übten wir schon tags zuvor einige Programmpunkte
ein. In einer Modenschau präsentierten die Kinder stolz ihre selbstgestalteten T-Shirts, Masken und Schmuck und zeigten
als Artisten ihr Können, es gab eine Menschenpyramide, einen Tanz und weitere Aufführungen. Als Highlight entpuppte sich
das im Deutschunterricht gelernte „Bruder Jakob“. Und am Ende gab es für jedes der Kinder noch ein schönes Abschiedsgeschenk.
War die Stimmung gegen Ende des Abends schon im Hinblick auf unsere nahe Abfahrt gedämpft, sollte sie am nächsten
Morgen noch trauriger werden, als einige Kinder in aller Frühe uns noch mal verabschiedeten.
Wir hatten eine sehr intensive Zeit im Lager erlebt, nun mussten wir die Kinder zurücklassen, ohne genau zu wissen, wie
es für sie weitergehen wird. Für drei Wochen ihr Leben im Lager zu teilen, war oft auch mit sehr bedrückenden, erschreckenden
und aufrüttelnden Erlebnissen und Erfahrungen verbunden, etwa die schlechte Wohnsituation, der Alkoholismus und die
Perspektivlosigkeit im Lager. Und dennoch ist es uns gelungen, bei allen Lagerbewohnern ein spürbarer Funke der Hoffnung zu
entfachen. Mit offenen Ohren und Herzen konnten wir den Menschen ein Gefühl geben, dass sie nicht vergessen sind, dass auch
sie es Wert sind, unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.
Unser Einsatz im Lager schlug außerdem Wellen über die Grenzen des Lagers hinaus, wie sich am Tag vor unserer Abreise
zeigte. Eine Flüchtlingsbeauftragte der UNHCR besuchte das Lager und wollte sich ein Bild über unser Projekt machen. Mit
dabei waren auch Vertreter der Lokalpresse, die die Kinder und uns über das Programm interviewten.
Viele Kinder sind im Lager aufgewachsen, sie kennen es gar nichts anders. Wir haben für sie unvergessliche drei Wochen
bereitet. Dafür wurden wir mit ihrer Begeisterung, ihrer Freude und ihrem vollen Vertrauen belohnt.
Während unserer Zeit im Lager haben wir ein schlichtes, einfaches Leben geführt. Dies hat bei mir die Frage aufkommen
lassen, was wirklich wichtig ist und worauf ich auch verzichten kann und könnte. Wieder zurück in Deutschland begeben
wir uns wieder in unseren geregelten, sicheren Alltag und Wohlstand. Durch den Aufenthalt im Lager habe ich dieses Glück
erst richtig zu schätzen gelernt. Ich habe wenige Gründe, mich zu beklagen. Ich habe alles, was ich brauche, ich kann
mich frei bewegen.
Die Schicksale der Menschen im Lager lassen auch erahnen, wie schlimm deren Kriegserfahrungen gewesen sein müssen,
lassen auf die durch den Krieg ausgelösten Leiden und menschlichen Tragödien schließen.
Deshalb ist mir bewusst geworden, von welcher Wichtigkeit es ist, Werte wie beispielsweise Mitmenschlichkeit,
Nächstenliebe, Toleranz und Hilfsbereitschaft aktiv zu pflegen und zu leben und einen kritischen Geist zu wahren.